Beitrags-Archiv für die Kategorie 'die Zeit'

an die Zeit

Freitag, 7. April 2006 18:00

Oh, du meine liebe Zeit, warum rennst du so schnell? Ich jage dich doch nicht, ich will dich doch nicht fangen… Ich weiß, du bist sehr beschäftigt, du musst so viel regeln, überall dabei sein, alles überwachen. Vielleicht deshalb habe ich nie genug von dir? Obwohl du immer bei mir präsent bist: digital oder analog, als Sonne oder Mond, im Wachsein oder im Schlaf. Ich sehe dich in jedem Augenblick, spüre dich in jeder Muskelbewegung, schmecke dich in jedem Schluck Wasser, höre dich in jedem Vogelgesang, rieche dich in jeder Flasche Wein – aber nur oberflächlich… Du verweilst nicht lange genug, um die Sinne mit deiner Anwesenheit voll zu sättigen. Das Gefühl, nichts zu Ende bringen zu können, wird zu meinem ständigen Begleiter. Die Sehnsucht nach deiner Fülle wird immer schwerer zu ertragen. Die Gedanken an dich lassen mich nachts nicht einschlafen und morgens nicht ausschlafen. Werde ich dich mal nur für mich allein haben?

Zu Ostern erwarten wir Verwandte zum Besuch. Am Telefon fragten sie, was sie mitbringen sollen. “Wir brauchen nichts, wir haben alles. Oder… bringt uns die Zeit, die haben wir nicht…”, antwortete Achim darauf.

zeitschnipsel

zeitschnipsel

Thema: 04 - April, die Zeit, unscheinbar 2006

Die Beschleunigung

Dienstag, 21. März 2006 21:39

Der erste Frühlingstag und die ersten Sonnenstrahlen seit einer Woche – die Hoffnung auf das Ende der Eiszeit wird wieder wach…

Den ganzen Tag unterwegs in Berlin. Als Mitgift bringe ich nach Hause eine von einer Bekannten geliehene Musik-CD des polnischen Barden der 70er Jahre, Marek Grechuta. Später höre ich die mich in meiner Jugend am meisten begleiteten Klänge wieder: die gesungene Poesie. Sie lässt mich längst vergessene Ecken meiner Innenwelt besuchen – die Töne reihen sich voraus, die Lippen sprechen ohne zu überlegen die tief eingeprägten Verse. Viele von ihnen höre ich zum ersten Mal nach 30 Jahren wieder und erst jetzt merke ich, wie diese tief philosophische Lyrik mein Denken beeinflusst hatte.

Abends stellt sich bei mir ein unangenehmes Gefühl ein, das einer Depression ähnelt – die immer schneller davon laufende Zeit ist die Ursache: ich schaffe das, was für mich wichtig ist, nicht, ich habe keine Zeit für mich selbst, ich verliere den Überblick über alles Anstehende, das Ungelesene und Unerledigte stapelt sich zu Bergen auf dem Sofa und zu Ozeanen in meinem Gedächtnis. Und auf einmal, wie gerufen, sehe ich in der fast zwei Monate alten “Zeit” (ja, ja, “Die Zeit” wiegt hier am schwersten) eine mit dem Titel “Atemlos” versehene Rezension über das Buch “Beschleunigung – Die Veränderung der Zeitstruktur in der Moderne”. Und? Das Buch scheint interessant zu sein, aber…

Wegen der Zeit-Beschleunigung habe ich keine Zeit, über die Zeit-Beschleunigung zu lesen.

der stillstand

der stillstand

Thema: 03 - März, die Zeit, unscheinbar 2006

Vorhaben & Moral

Dienstag, 14. März 2006 22:47

Ein schönes arktisches Wetter gibt es in diesem Jahr Mitte März – blauer Himmel, Sonne und blendender Schnee…

Auf dem Rückweg aus Berlin nach Zeuthen steige ich am Ostkreuz aus und gehe auf die Halbinsel Stralau. Mehrmals bin ich mit der S-Bahn vorbei gefahren, aber erst heute mache ich hier einen Halt. Die Bucht links von der Halbinsel ist noch mit Eis und Schnee bedeckt. Die weiße Fläche erstreckt sich bis zu dem Kraftwerk mit zwei Schornsteinen auf dem gegenüber liegenden Ufer. Das ist der Anblick, den ich schon immer fotografieren wollte: weiße Rauch-Büscheln, so hoch, dass sie wie Wolken erscheinen, davor weite, glatte Wasserfläche. Der weiße Schnee statt Wasser ist natürlich noch effektvoller… Beim einstündigen Spaziergang mache ich fast 50 Fotos. Eine Station weiter steige ich in die S-Bahn wieder und fahre nach Hause mit einem echt schönen Gefühl: endlich mal habe ich realisiert, was ich unzählige Male vorhatte!

Ein kleiner wissenschaftlicher Bericht (oder eher ein Satz darin) in der “Zeit” löst bei mir eine Gedankenlawine aus: “Die Affen (…) wollen ihren Artgenossen weder etwas Gutes tun noch mutwillig schaden.” Das bedeutet doch, dass sie weder Gut noch Böse kennen – genau so wie Adam und Eva vor dem Apfelessen… Das bedeutet weiter, dass Adam und Eva bis dahin keine Menschen waren – sie kannten keine Moral, lebten ohne Gewissen, wie die Tiere um sie herum…

Vielleicht beschreibt dann das Alte Testament (symbolisch natürlich) das Erstehen des Moralbegriffs vor Jahrmillionen bei Urmenschen?

das licht am helllichten tag - unmoralisches vorhaben?

das licht am helllichten tag - unmoralisches vorhaben?

Thema: 03 - März, die Anfänge, die Zeit, unscheinbar 2006