Montag, 10. April 2006 21:05
Eine lange Fahrt zu einem Kundentermin in Berlin erlaubt es mir, sehr lange wartende Artikel aus der “Zeit” endlich in aller Ruhe zu lesen. Und gleich in dem ersten finde ich einen ausgezeichnet treffenden Begriff für das, was ich in sämtlichen Medien in meinem ganzen Leben beobachte: Bullshit!
Der 77-jähriger amerikanischer Philosoph Harry G. Frankfurt, der lange Professor an der renommierten Princeton-Universität war, hat ein Traktat mit dem Titel “Bullshit” (wortwörtlich: Bullenscheiße) geschrieben. Der Text entstand vor 25 Jahren, wurde aber erst vor kurzem als Buch herausgegeben und ist eben auf Deutsch erschienen. Und was will der ehrenswerte, graubärtige Herr mit diesem Begriff bezeichnen? “Bullshit ist eine Technik, die Wahrheit zu verbergen. Bullshit ist schlimmer als Lüge, weil dabei die Vorstellung von Wahrheit ganz verschwindet.” Und noch schlimmer – die ganze Gesellschaftsordnung basiert auf dem Bullshit, der ist aus der zwischenmenschlichen Kommunikation nicht weg zu denken. Herr Frankfurt versucht, die Wahrheit nicht zu verbergen, was lediglich nur ihn und nicht seine Umgebung glücklich macht. Was mir aber bei dem alten Herrn nicht gefällt, ist seine Aussage über “wahrhaftiges Leben” – dass es vor allem viel Glück braucht, um von den Konsequenzen der Wahrheit verschont zu bleiben… Wahrheit ist doch keine schöne Sache und mit dem Glück hat sie nichts zu tun. Und sich den Konsequenzen eines wahrhaftigen Lebens zu entziehen, bedeutet keine Verantwortung für das eigene “wahrhaftige” Leben tragen zu wollen. Es ist hauptsächlich der Mut, den man haben muss, um in der (eigenen) Wahrheit zu leben…
Und wie kommt ein amerikanischer Philosoph auf so ein bis dahin unausgesprochenes Thema? Im Alter von 36 Jahren erfuhr er, dass er ein Adoptivkind ist…

wo ist die wahrheit?